VR-KundenForum agrar der VR-Bank Landsberg-Ammersee
Wenn Hofarbeit psychsich krank macht
Der Originalartikel von Ulrike Osman ist am 07.03.2026 im Kreisboten erschienen.Diesen haben wir Ihnen hier verlinkt:
Artikel des Kreisboten vom 07.03.2026
Hohe Arbeitsbelastung, ständige Verfügbarkeit, wirtschaftlicher Druck, Existenzängste und fehlende gesellschaftliche Wertschätzung – all das führt dazu, dass Landwirte überdurchschnittlich häufig an psychischen Erkrankungen leiden. Ein Betroffener will das Thema aus der Tabu-Ecke holen und vermeiden, dass andere dasselbe durchmachen wie er selbst: Christoph Rothhaupt referierte beim diesjährigen Kundenforum agrar der VR-Bank Landsberg-Ammersee zum Thema „Wenn Hofarbeit krank macht“.
Landkreis Landsberg/Schwifting – Der 41-jährige Landwirtschaftsmeister bewirtschaftete in seinem Heimatlandkreis Röhn-Grabfeld gemeinsam mit seinem Vater einen Milchvieh- und Ackerbaubetrieb – 80 Kühe, 120 Hektar. Nach dem frühen Tod des Vaters wollte Rothhaupt den Betrieb in dessen Sinne weiterführen. Er war hoch motiviert, perfektionistisch, von früh bis spät im Einsatz.
Nach einigen Jahren stellten sich erste Burnout-Symptome ein. „Ich fühlte mich schlapp, brachte keine Arbeit mehr zu Ende, litt unter Schlafstörungen“, berichtete Rothhaupt vor 120 konzentriert lauschenden Zuhörern im Saal des Dorfwirts in Schwifting. Seine Frau überredete ihn zu zwei Wochen Urlaub, danach ging es wieder. Doch nach drei weiteren Jahren im Hochleistungsmodus waren sie wieder da – die Ängste, die Schlafstörungen, die Gedankenkreise, die ständige Erschöpfung. „Ich lag morgens wie gelähmt im Bett, habe alles in Frage gestellt und fühlte mich wie Dreck.“Rothhaupt wandte sich an die landwirtschaftliche Familienhilfe und an seinen Hausarzt. Und er traf eine Entscheidung, die ihm unendlich schwerfiel. Er verkaufte seine geliebten Kühe und stellte den Betrieb auf Nebenerwerb um. Eine Gesprächstherapie, Medikamente und eine sechsmonatige Auszeit halfen ihm, ins Leben zurückzufinden.
Heute will er sensibilisieren und aufklären – potenziell Gefährdete ebenso wie das Umfeld. Denn Unverständnis und forsche Kommentare („das wird schon wieder“) machen es Betroffenen noch schwerer. Burnout ist keine Schwäche, nichts, was man durch „Sich-Zusammenreißen“ überwinden kann, machte Rothhaupt deutlich. „Man kämpft ums nackte Überleben.“
Ursachen für das Syndrom sind Überforderung, Arbeitsverdichtung, Termindruck und hohe Verantwortung, gepaart mit Perfektionismus und hohem Anspruch an sich selbst. Betroffene vernachlässigen die eigenen Bedürfnisse – gegessen wird zwischen Tür und Angel, geschlafen zu wenig, Hobbys und soziale Kontakte treten in den Hintergrund. Das geht bis zum kompletten sozialen Rückzug, auch von der eigenen Familie. Die entstehende innere Leere kann zu Suchtproblemen führen. Am Ende stehen Depression und Suizidgefahr.
Besonders gefährdet sind Tierhalter, denn deren Arbeitsbelastung ist „schon im Normalfall am Limit“, wie Irene Pfeiffer vom Bayerischen Bauernverband (BBV) sagte. Die Referentin für Tierhaltung und Tierschutz erklärte, dass der Weg in den Burnout in Phasen verlaufe und oft unentdeckt bleibe. Häufig werde die Fassade lange aufrechterhalten und alles darangesetzt, es allein zu schaffen. Werde die Not zu groß, wende das Gehirn einen Trick an und blende bestimmte Dinge einfach aus, so Pfeiffer. Die vermeintlichen schwarzen Schafe der Branche, die wegen Vernachlässigung ihrer Tiere in die Schlagzeilen geraten, seien oft in genau dieser Situation.
Wenn Hofarbeit krank macht: Milchvieh-Landwirt beim Kundenforum in Schwifting
Damit es nicht so weit kommt, gibt es verschiedene Hilfsangebote vom BBV und dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium (Überblick und Infos unter www.bayerischerbauernverband.de/Notlagen). Der Bezirk Oberbayern bietet bei psychischen Erkrankungen aufsuchende Hilfe an – sprich, die Behandlung findet beim Betroffenen zu Hause statt. So können Familie und Umfeld mit einbezogen werden. Zudem muss der Erkrankte seinen Betrieb nicht für längere Zeit verlassen, was gerade für Tierhalter kaum möglich ist.
Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger, der ebenfalls nach Schwifting gekommen war, sprach von steigenden Fallzahlen und forderte eine Entstigmatisierung des Themas. Es müsse genauso normal werden, über psychische Erkrankungen zu sprechen wie über Blinddarmentzündungen.
Schlimmste Konsequenz einer unbehandelten Depression ist der Suizid. Im Jahr 2023 gab es in Deutschland 11.000 Selbsttötungen und 150.000 Versuche. „Und jeder Suizid zieht im Durchschnitt sechs weitere Personen in die Krise“, so Schwarzenberger. Selbst wenn es nicht soweit kommt, können die Folgen einschneidend sein. Ein Drittel der Fälle von Berufsunfähigkeit in der Landwirtschaft ist auf psychische Erkrankungen zurückzuführen, berichtete Maximilian Wagner, Leiter des VR-Versicherungszentrums.
Christoph Rothhaupt geht es heute wieder gut. Er hat gelernt, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören – Pausen zu machen, zum Sport zu gehen, sich Zeit für die Familie zu nehmen. Und er hat auch wieder Kühe, ein paar wenige, ohne wirtschaftlichen Hintergrund. Denn sie sind nun mal seine Lieblingstiere.